Andrea Illy, Präsident und Vorstandschef des italienischen Kaffeerösters Illycaffè setzt auf hohe Qualität. Dafür bezahlt der 46-Jährige seinen Bauern bessere Preise. Warum Illy nicht mit dieser Unternehmenspolitik werben möchte und auch nichts von Fair Trade hält, erklärt er im Interview mit dem Handelsblatt.
Handelsblatt: Die Krise trifft auch den Konsum. Verzichten die Menschen in der Krise auf eine Tasse Illy-Espresso ?
Andrea Illy: Vor allem in der ersten Jahreshälfte sind die Menschen weniger ausgegangen. Daher ist der Konsum in Bars, Hotels und Restaurants gesunken. Auch im Einzelhandel haben die Partner ihre Lager reduziert. Das beides hat den Umsatz negativ beeinflusst. Aber in der zweiten Jahreshälfte lief das Geschäft schon besser.
Rechnen Sie also mit einem schwächeren Gesamtjahr ?
Nein, ich rechnen mit einem leichten Wachstum für 2009. Uns hat die Krise zwar in einigen Geschäftsbereichen getroffen. Aber andere haben das ausgeglichen: Wie etwa das Geschäft mit den Portionenkapseln für die Kaffeemaschinen und die neuen Kaltgetränke mit CocaCola.
Illy bezahlt seine Bauern über Marktpreis, bietet ihnen Schulung an und verfolgt damit einen nachhaltigen Ansatz. Warum ?
Aus eigenem Interesse. Wenn wir den besten Kaffee herstellen wollen, müssen wir die besten Kaffeebohnen nehmen. Uns ist klar geworden, dass wir, wenn wir die Kaffeebohnen im Handel von den internationalen Brokern kaufen, nicht das beste Qualitätsniveau erreichen. Deshalb haben wir begonnen, direkt mit den Produzenten zusammenzuarbeiten. Wir übertragen unser Know-how. Und wenn sie erfolgreich sind und die Qualität liefern, kaufen wir direkt bei ihnen und zahlen einen Premiumpreis. Ich kenne keinen, der so arbeitet. Einige kaufen zwar direkt beim Bauern, aber sie geben kein Know-how weiter.
Wie hoch ist der Premiumpreis?
Etwa 30 Prozent. Wir lassen den Bauern eine größere Gewinnmarge. Sie haben zwar höhere Kosten für die bessere Qualität, aber sie sind nicht 30 Prozent höher, sondern vielleicht 10 oder 15 Prozent. Wir investieren auch in soziale Projekte, die aber immer mit der Produktion zu tun haben. Wir brauchen schließlich motivierte Menschen. Und wir wollen langfristig so arbeiten können. Wir sind ja keine Minenbetreiber: abschürfen, was da ist und dann schließen und weiterziehen!
Wenn Sie so sozial und nachhaltig sind, warum werben Sie nicht damit?
Das ist doch keine Motivation für den Kauf. Die Motivation für den Kauf ist das Aroma, die Qualität. Unsere Social Practices dienen einer besseren Qualität. Den Kunden interessiert die Emotion, der Geschmack des Getränks, und nicht, wie wir das geschafft haben oder wie toll wir sind.
Aber Ethik ist doch angesagt...
Das ist es genau, was mich stört: Ethik ist angesagt, aber es ist nur eine Mode. Es ärgert mich natürlich, dass andere Unternehmen sich diese Mode zu nutze machen und sich als ethisch und nachhaltig definieren, wenn es in Wirklichkeit nur Marketing ist. Das ist inakzeptabel.
Wenn andere es nutzen, könnte es Ihnen vielleicht doch helfen, mehr umzusetzen ?
Wir informieren, wir kommunizieren nicht. Aus diesem Grund führen wir gerade eine Zertifizierung ein, die unsere Lieferkette offiziell zertifiziert. Ich glaube aber nicht, dass wir auch nur ein Gramm mehr verkaufen, nur weil die Menschen wissen, wie wir unsere Kaffeebauern behandeln.
Könnten Sie nicht auch das Fair Trade-Label nutzen, wie das etwa Starbucks für einige Sorten macht ?
Nein, Fair Trade funktioniert nur auf der Basis des Minimumpreises, den die Bauern bekommen, egal welche Qualität. Der Produzent und auch der Käufer muss bezahlen, um zertifiziert zu werden. Fair Trade kassiert von beiden Seiten, damit sie das Label benutzen können. Die Bauern könnten mehr verdienen, wenn die beiden Seiten nicht die Gebühren für Fair Trade abdrücken müssten !
Sie wollen in den USA vor allem bei den Kaffeebars expandieren. In den US-Medien ist bereits von einem Krieg gegen Starbucks die Rede?
Das ist sicher übertrieben. Wir planen keine Attacke gegen einen bestimmten Konkurrenten. Wir folgen keinen vorübergehenden Moden. Als mein Großvater das Unternehmen gründete, wollte er den besten Kaffee der Welt machen. Das probieren wir heute noch.
Was kann Illy denn bieten, was Starbucks nicht bieten kann ?
Wir bieten im Vergleich zu anderen Röstern eine höhere Qualität und eine spezifisch italienische Identität. Italien ist weltweit bekannt für Kaffee. Ausländische Player haben das italienische Erbe genutzt, um es bei sich zu Hause zu entwickeln. Wir können das Authentische eines 76-jährigen italienischen Familienunternehmens von drei Generationen bieten, statt nur einen italienischen Klang.
Welches Modell nutzen Sie bei den US-Bars ?
Mit unserem Modell wenden wir uns vor allem an die unabhängigen Klienten. In den USA sind mehr als die Hälfte der Coffee-Shops in den Händen der Ketten. Die unabhängigen leiden. Auf die gehen wir zu und versprechen ihnen Wachstum: Ein Barbetreiber, der Illy benutzt und die Marke zeigt, setzt durchschnittlich acht bis zehn Prozent mehr um. Wenn der gleiche Betreiber an den Kursen unserer Kaffeeuniversität teilnimmt, wächst der Umsatz weitere zehn bis 12 Prozent.
Bekommen Sie beim Gedanken an Starbucks Gänsehaut oder sind Sie dankbar, dass Starbucks eine gewisse Kaffeekultur eingeführt hat ?
Konkurrenz ist gut. Zumindest gibt es jetzt ein Segment, was es vorher nicht gab. Lange war Kaffee nur ein Rohstoff. Danach ist das Segment des Gourmet-Kaffees geboren worden, das heute sechs Prozent ausmacht, das einzige, das wächst.
Was sind Ihre Pläne in Deutschland?
Hier sind wir noch in der Testphase. In Deutschland ist der Vertrieb sehr schwierig. Viele kleine Ketten mussten sofort wieder aufhören. Das wollen wir verhindern.
Quelle: Handelsblatt
Freitag, 5. März 2010
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