„Gehen wir einen Kaffee trinken“ bedeutet soviel wie „Machen wir eine Pause?“, „Ich muss mit dir reden“ oder auch „Lass uns ein bisschen zusammen sein“. Kaffee trinken geht weit über den eigentlichen Kaffee hinaus, fordert eine andere Tonlage, Dimension oder Art des Kontakts heraus. Wenn die Antwort lautet „Ja, danke, lass uns einen Kaffee trinken“, wird damit eine weiter reichende Einladung angenommen.
Man wechselt den Standort, wenn man vom Arbeitsplatz zur Bar geht. Man wechselt von einer formalen Beziehungsdimension zu einer informellen, allein damit ändert sich die Atmosphäre. Gemeinsam einen Kaffee trinken gehen verändert die Distanz, das Verhältnis, schafft Annäherung. Kaffee ist reich an symbolischen Bedeutungen. In der Bar angekommen ist es so, als habe man den Kaffee bereits eingenommen. Deshalb kann man umstandslos etwas anderes trinken, Saft, Wein oder Mineralwasser mit einer Zitronenscheibe. Wer allerdings tatsächlich bereit ist, den Weg bis ans Ende zu gehen, dem öffnet sich ein unendliches Meer an Möglichkeiten und Namen.
Ein Teil dieser Vielfalt geht auf den Freihafen Triest zurück, über den seit dem 18. Jahrhundert Kaffee importiert wird. Dort entstanden bedeutende Röstereien und die Kultur der vielen wunderschönen historischen Kaffeehäuser, darunter das Caffè degli Specchi, das Tommaseo, das San Marco. Dichter und Schriftsteller wie Joyce, Stendhal, Svevo und Saba waren ihre Stammgäste. Für den Schriftsteller und Essayisten Claudio Magris ist das Café „der Ort, an dem man gleichzeitig allein und unter Menschen sein kann“.
Kaffee ist in Triest tief mit der Stadt verflochten und hat dabei eine eigene komplizierte Sprache hervorgebracht. „Nero“ heißt ein Espresso in der kleinen Tasse, „Nero in B“ (bicchiere = Glas) ein ebensolcher Espresso im Glas, „Capo“ ein Espresso mit einem Schuss Milch in einer kleinen Tasse, „Capo in B“ dasselbe im Glas, „Deca“ ein koffeinfreier Espresso in der Tasse und „Deca in B“ das gleiche im Glas. „Capo Deca“ bedeutet koffeinfreier Espresso mit einem Schuss Milch in der Tasse serviert und „Capo Deca in B“ dasselbe im Glas. „Goccia“ (goccia = Tropfen) meint eine Variante mit einem Tupfer Milchschaum auf dem Espresso. Das gleiche System kann auf „Nero“, „Nero in B“ und die beiden Arten „Deca“ angewandt werden. „Capo in B tanta“ würde dabei folgerichtig viel Milchschaum auf dem mit einem Schuss Milch gereichten Espresso bedeuten. Aber da bin ich mir nicht mehr sicher.
Zur Verwirrung des Reisenden gegenüber dem Mann hinter der Theke trägt ferner die Tatsache bei, dass das, was die Triestiner einen „Caffelatte“ nennen im übrigen Italien Cappuccino genannt wird. Obwohl ich diese schöne Stadt seit Jahren immer wieder besuche, habe ich nie begriffen, was man bestellen muss, wenn man eines Morgens das trinken möchte, was man in Italien einen „Caffelatte“ nennt. Wahrscheinlich sollte man etwas gegen Kopfschmerzen verlangen. Wenn man von Triest ins nahe Friaul reist und einen „Nero“ bestellt, bekommt man dagegen einen Kelch mit Rotwein serviert, der um sieben Uhr morgens angenehm sein kann, aber ein bisschen benommen macht. Also Vorsicht an der Grenze.
Bis vor wenigen Jahren war die explosionsartige Vermehrung des Kaffee-Wortschatzes auf Triest beschränkt. Auf der übrigen Halbinsel war das Leben noch einfach: „Kann ich bitte einen Espresso haben?“ Als ausgefallen galt bereits der „Caffè macchiato“. Dann brach der Damm und es kam die Flut Tausend verschiedener Kaffeearten. So unterscheidet sich jetzt auch der „Caffè macchiato“ in den heißen „Macchiato caldo“ und den kalten „Macchiato freddo“. Manch einer schüttet reichlich Milchschaum aus einem Kännchen auf dem Tresen eigenhändig auf den Espresso, wogegen der Barmann mitunter protestiert, das sei doch eigentlich ein Cappuccino. Dann ist da der „Doppio“, der doppelte Espresso, wenn man richtig aufwachen will. Vor der Wildschweinjagd oder einem wichtigen Termin im Büro.
Beim „Ristretto“ wiederum handelt es sich um eine homöopathische Anwendung für denjenigen, der starke Empfindungen sucht. Nur wenige Tropfen Espresso, die allerersten reinsten. Die Hälfte bleibt an den Wänden der Tasse kleben.
Außerdem gibt es den “Corretto” mit einem Schuß Likör, den “Decaffeinato” und den Espresso “Con Panna” mit Schlagsahne, den Eiscafé “Freddo” und den im Cocktailshaker geeisten „Shakerato“, was das gleiche sein sollte. Im letzten Fall sollte man allerdings darauf achten, dass er vor den eigenen Augen gemixt wird, ansonsten könnte er bereits abgestanden sein. Und das zu dem Preis! Es gibt auch den Gerstenkaffee „Orzo“, der nicht aus echtem Kaffee besteht, aber Gerste stammt aus der gleichen Familie. Neu ist „Marocchino“, ein mit Kakao bestreuter Mini-Cappuccino. Außerdem gibt es den „Capcioc“ und den „Mocaccino“, aber ich weiß nicht, worum es sich dabei eigentlich handelt. Denn Kaffee ist eben eine allzu abwechslungsreiche Erfahrung. Ich habe Verständnis für manchen Deutschen, der nach dem Mittagessen einen Cappuccino nimmt. Das ist schlicht einfacher.
Autor: Massimo Cirri
Quelle: Goethe-Institut
Übersetzung: Bettina Gabbe
Januar 2010
Quelle: Goethe-Institut
Übersetzung: Bettina Gabbe
Januar 2010
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