Wien gilt als die Welthauptstadt der Kaffeehauskultur, die dort seit mehr als 400 Jahren sehr lebendig ist. Es gibt fast tausend Stück davon - die zehn schönsten versammelt diese Liste
Experte/Autor: Claudia Hellmann
Das Wiener Kaffeehaus ist nicht einfach nur ein Café, es ist eine Institution, so wie der Stephansdom oder der Prater.
Laut amtlicher Zählung gibt es in Wien fast 1.000 Kaffeehäuser und noch einmal so viele Kaffeerestaurants, in denen neben Süßspeisen auch warme Gerichte angeboten werden.
Da ist also das nächste Kaffeehaus nie weit, und jeder Wiener hat selbstverständlich seinen Favoriten, wo er in Ruhe sitzt, Zeitung liest und Kaffee trinkt. Obwohl natürlich kein Wiener einfach nur einen Kaffee bestellt.
Die Namen der verschiedenen Kaffeespezialitäten sind eine Sprache für sich und man taucht so ein in eine ganz eigene Welt.
Aber egal ob "Kleiner Brauner" (Mokka mit Milch oder Obers), "Einspänner" (Mokka mit Schlagobers, sprich Espresso mit Sahnehaube) oder "Melange" (Milchkaffee) - serviert wird der Kaffee fast immer auf einem Metalltablett und mit einem Glas Wasser - und gerne auch mit einem beflissenen "Bitte sehr, bitte gern" des befrackten Kellners.
Und so unterschiedlich der Geschmack beim Kaffee ist, so verschieden sind auch die Kaffeehäuser selbst. Ob mondän oder gemütlich, elegant oder leicht abgerissen, geschichtsträchtig oder modern, hier findet jeder sein Lieblingskaffeehaus.
"Das Kaffeehaus ist sozusagen eine Wohnung, die man nicht haben muss, wenn man das Kaffeehaus hat", bemerkte der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch augenzwinkernd. Und er brachte damit auf den Punkt, dass das Kaffeehaus in seiner Blütezeit, zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg, der Mittelpunkt des sozialen und kulturellen Lebens war. Hier tummelten sich führende Intellektuelle und diskutierten über Gott und die Welt. Und so mancher Student und darbende Künstler nutzte das es als Wärmestube.
Auch wenn das Kaffeehaus heute nicht mehr diese zentrale Bedeutung hat, so ist es doch aus dem Wiener Leben nicht wegzudenken. Berücksichtigt wurden für diese Liste übrigens nur die klassischen Kaffeehäuser, nicht aber die renommierten Wiener Café-Konditoreien wie Demel, Sluka oder Heiner.
Platz 1: Café Central
Heilige Hallen
Das Central ist und bleibt der unangefochtene Star unter den Wiener Kaffeehäusern. Kein Wunder:
Die großartige Säulenhalle im Palais Ferstel bildet eine filmreife Kulisse für die Kunst des stundenlangen Kaffeetrinkens und Zeitunglesens. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war dies der beliebteste Treffpunkt von Freidenkern, Politikern und Literaten. Nur hier konnte es vorkommen, dass ein Rothschild im gleichen Raum wie Trotzki saß. Auch wenn die Zeiten, in denen hier die Aristokraten, Bolschewiken und Schriftsteller ein- undausgingen, lang vorbei sind, und sich am Eingang stattdessen Trauben staunender Touristen bilden, lässt sich im Central bei einer Melange und einem Stück Apfelstrudel doch immer noch die großartige Atmosphäre vergangener Tage aufsaugen.
Wie sagte der Wiener Journalist und Literat Alfred Polgar doch so treffend über seinen Lieblingsort: "Das Café Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung."
Platz 2: Café Landtmann
Grandezza neben dem Burgtheater
Auch wenn "Herr Robert" vor ein paar Jahren in Rente gegangen ist, nachdem er viele Jahrzehnte als legendärer Oberkellner im Landtmann tätig war, bleibt das das feine Kaffeehaus im Erdgeschoss des Palais Lieben-Auspitz eines der besten Cafés der Stadt.
Und die Kellner, natürlich im obligatorischen Smoking, haben mich noch jedes Mal mit ihrer Zuvorkommenheit und echtem Wiener Schmäh begeistert.
Im Landtmann herrscht elegante Noblesse mit holzvertäfelten Wänden, riesigen Spiegeln, Samtvorhängen und Kronleuchtern. Stilvoll ist auch die Garderobe gleich am Eingang, wo man Regenschirme oder im Winter dicke Mäntel abgeben kann.
Gleich gegenüber lockt die Kuchentheke mit allerlei süßen Leckereien. Als das Landtmann 1873 als "Wiens eleganteste Café-Localität" eröffnete, gab es weder die Universität gegenüber noch das Burgtheater nebenan.
Dafür hat das Kaffeehaus mit dem Anbau eines Wintergartens, der an ein gestrandetes, gläsernes Ufo erinnert, vor ein paar Jahren den Schritt ins 21. Jahrhundert gemacht.
Wer nicht im lichtdurchfluteten Wintergarten oder im Sommer auf der Terrasse sitzt, hat die Wahl zwischen mehreren eleganten Räumen; die kuscheligen Nischen sind ideal, um stundenlang ungestört in Zeitungen zu stöbern (die Auswahl ist riesig!).
Und die Nähe zu Burgtheater, Rathaus und Parlament sorgt für jede Menge prominentes Publikum.
Platz 3: Café Hawelka
Bohemian Rhapsody
Ganze Bücher sind über dieses Künstlercafé geschrieben worden. Das Hawelka ist eine Wiener Institution, der Lieblingstreffpunkt der Bohemiens, und so ganz anders als die eleganten großen Kaffeehäuser der Stadt.
Das Café liegt in einer Seitenstraße des Grabens, wo im Sommer ein paar Tische auf dem Gehweg stehen. Wer durch die unscheinbare Tür tritt, blinzelt erst einmal ins schummrige, stets verrauchte Halbdunkel, vorbei an der zugepflasterten Plakatwand gleich neben dem Eingang.
Nicht selten wird man dann vom fast 100-jährigen Leopold Hawelka (oder dessen Sohn Günter) begrüßt, der seine Gäste seit über sechzig Jahren hier willkommen heißt.
Auf Bugholzstühlen oder leicht abgewetzten Samtbänken an den Fensternischen macht man es sich gemütlich und taucht ein in den charmanten Mikrokosmos Hawelka, wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Wo anderswo eine satte Kuchenpracht lockt, liebt man es hier einfach.
Aber wenn der Kellner frischen Biskuitkuchen oder - immer nur nach 22:00! - die legendären Buchteln empfiehlt: unbedingt probieren!
Platz 4: Café Sperl
Billard um halb zehn
Das Sperl ist ein klassisches Alt-Wiener Kaffeehaus mit viel dunklem Holz, rotem Plüsch und hohen
Stuckdecken, das Ende des 19. Jahrhunderts seine Türen öffnete und sich seither kaum verändert hat.
Einziges Zugeständnis an die Moderne: Besucher mit Laptop können hier kabellos im Internet surfen.
Einst ein beliebter Treffpunkt von Schauspielern, Künstlern und Offizieren aus der nahen k.u.k. Kriegsschule, ist das Publikum heute bunt gemischt: Studenten, Geschäftsleute, Rentner und Touristen geben sich hier die Klinke in die Hand.
Neben der breiten Auswahl an Zeitungen und Zeitschriften kann das Sperl zur Unterhaltung noch eine ganz andere Attraktion bieten - so stehen im hinteren Teil des rechten Flügels mehrere immer gern bespielte Billardtische.
Platz 5: Café Griensteidl
Mehlspeisen und Melange
Im Schatten der imposanten Hofburg findet sich eines der schönsten und entspanntesten Kaffeehäuser der Stadt.
Und wen kümmert es da schon, dass das heutige Café Griensteidl nicht mehr das alte Künstlercafé von früher ist, wo einst Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Arnold Schönberg ein und aus gingen.
Das 1990 detailgetreu wieder aufgebaute Griensteidl befindet sich in einem Neubau am selben Fleck, aber wer das nicht weiß, würde es nie merken.
Schließlich sieht hier alles aus wie anno dazumal - die dunklen Holzvertäfelungen, die roten Samtbezüge, die Theke gleich gegenüber dem Eingang und die stets gut gefüllte Kuchenvitrine, bei deren Anblick einem das Wasser im Mund zusammenläuft.
Auch die frischen Mehlspeisen sind wärmstens zu empfehlen. Am besten setzt man sich an einen Fensterplatz und sieht den vorbeifahrenden Fiakern zu.
Angenehm im Gegensatz zu den vielen verrauchten Cafés der Stadt ist übrigens auch die Tatsache, dass das Griensteidl ein reines Nichtraucherlokal ist.
Platz 6: Café Diglas
Fein herausgeputzt
Elegant geht es hier zu, gleich hinterm Stephansdom.
Das historische Dekor im Café Diglas hat man jüngst fein herausgeputzt, und so schimmern die dunklen Holzverkleidungen edel, Messingbeschläge und Marmortische sind frisch poliert und der rote Samt kein bisschen abgewetzt wie in so vielen anderen Kaffeehäusern. Nach dem Krieg hatte man das alte Inventar herausgerissen, später wurde es wieder detailgetreu nachgebaut.
An mehreren Abenden in der Woche gibt es hier live Klaviermusik, und die Kuchen und Mehlspeisen gehören zu den besten der Stadt.
Kein Wunder, betreibt die Familie Diglas doch auch eine renommierte Backstube und Konditorei am Fleischmarkt 16. Wer unbedingt einmal eine Sachertorte probieren möchte, ist gut beraten dies hier zu tun.
Aber auch das Angebot an warmen Gerichten ist im Café Diglas ausgesprochen breit gefächert und
schmackhaft. Das Diglas geht mit der Zeit, und so war es auch der erste Wiener Gastbetrieb, der einen drahtlosen Internetzugang für seine Gäste installierte.
Platz 7: Café Museum
Museal
Architekturinteressierte werden hier ihre wahre Freude haben: Das Café Museum am Karlsplatz wurde 1899 vom Architekten Adolf Loos, einem Vorreiter der klassischen Moderne, entworfen.
Im Gegensatz zu den üppig ausgeschmückten Cafés seiner Zeit setzte Loos auf Einfachheit und klare Formen, wenn auch gleichzeitig auf edle Materialien.
Sogar die schlichten Bugholzstühle wurden von Loos entworfen und von den Gebrüdern Thonet extra für das Café angefertigt.
Nachdem das Traditionscafé unweit der Wiener Staatsoper und der berühmten Sezession in den Dreißigerjahren umgebaut worden war, wurde es 2003 nach Originalplänen aufwendig rekonstruiert.
Hell und luftig wirkt der Raum mit den lind- und tannengrün gestreiften Wänden, den buchenrot gebeizten Tischen und den von Thonet nach alten Vorlagen gebauten Bugholzstühlen aus dunklem Holz.
Anmerkung: Das Café Museum hat seit Ende 2009 vorübergehend geschlossen weil sich Betreiber und Pächter wegen der Umbaukosten (Trennung in Raucher- und Nichtraucherbereich) nicht einigen konnten; es sollte aber demnächst wieder unter neuem Pächter eröffnen.
Platz 8: Café Eiles
Wiener Gemütlichkeit
Schönheit ist immer relativ, und nicht jedermann mag das Eiles auf den ersten Blick als ein besonders schönes Kaffeehaus erscheinen.
Wer altehrwürdige Eleganz und viel Pomp erwartet, ist im Central oder Landtmann besser aufgehoben. Doch wer ein urgemütliches, traditionsreiches Kaffeehaus ohne viel Schnickschnack sucht, wird das Eiles mögen.
Hier wird man ganz sicher keine knipsenden Touristen antreffen, wie in so manch anderem renommierten Haus.
Das Eckcafé liegt etwas außerhalb des Zentrums im 8. Bezirk und ist ein Ort, der zum Verweilen einlädt, am besten in einer der Lesenischen oder an den Fensterplätzen.
In der Mitte des 20. Jahrhunderts war es ein beliebter Treffpunkt der Halbwelt, und auch wenn das Eiles heute ein rundum respektables Kaffeehaus ist, steht ihm der leicht abgewetzte Charme der Fünfzigerjahre gut.
Hinter den Glastüren im Jugendstil erwartet einen ein gemütliches, stets verrauchtes Ambiente. Mit dem beige-braunen Interieur und den altmodisch geblümten Samtpolstern ist das Eiles vielleicht keine Schönheit im klassischen Sinne, dafür aber mit jeder Menge Charakter und Wohlfühlambiente.
Platz 9: Café Westend
Verblichener Charme
Ein elegantes Kaffeehaus voller Charme gleich hinterm Bahnhof? In Deutschland, wo in der Bahnhofsgegend von Großstädten meist nur billige Schnellimbissbuden zu finden sind, wäre das unvorstellbar.
In Wien dagegen setzt man sich ganz entspannt mit seinem Koffer auf einen Kleinen Braunen ins Café Westend, bevor man schräg über die Straße zum Westbahnhof geht.
Ein Hauch von abgewetztem Fünfziger-Jahre-Charme weht durch das in die Jahre gekommene Kaffeehaus der alten Wiener Schule, wo einen die befrackten Kellner mit großer Liebenswürdigkeit bedienen.
Dicke Rauchschwaden wehen durch den Raucherbereich, die Stuckarbeiten sind vergilbt und der Parkettboden stark abgenutzt, aber das tut dem Charme keinen Abbruch. Lediglich das Essen lässt etwas zu wünschen übrig.
Platz 10: Café Schottenring
Traditionsreich
An der Ringstraße, gleich gegenüber der Wiener Börse erwartet den Besucher ein schönes Traditionskaffeehaus mit gemütlicher Atmosphäre. 1879 eröffnete es seine Türen, damals noch unter dem Namen Café Loy
Dank seiner Nähe zur Börse entwickelte es sich schnell zu einem beliebten Treffpunkt für Politiker und Banker.
Heute verirrt sich auch so mancher Tourist hierher, um das elegante Ambiente mit Biedermeiermobiliar und der wunderbaren Originalstuckdecke aus dem 19. Jahrhundert zu bewundern.
Nachmittags gibt ein Pianist klassische Wiener Kaffeehausmusik zum Besten.
Arg touristisch aber auch irgendwie sehr charmant ist die "Strudelshow", wo den staunenden Gästen vorgeführt wird, wie ein echter Apfelstrudel zubereitet wird und wie man den Teig so dünn ausrollt, dass man möglichst noch die Zeitung hindurchlesen kann.
Und wer ein duftendes Andenken mit nach Hause nehmen möchte: Den Kaffee aus der hauseigenen Rösterei gibt es gemahlen oder in ganzen Bohnen zum Mitnehmen.
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